2026
geschrieben von Marla Lynn Welsch
Neun Analog-Astronaut:innen. Ein unterirdischer Bunker in der Schweiz. Vierzehn Tage Isolation. Was kann eine analoge Mond- oder Marsmission darüber lehren, wie Menschen funktionieren, wenn sie nicht einfach gehen können?

Wenn man an Astronaut:innen denkt, stellt man sich vielleicht Raumanzüge, Raketen und spektakuläre Weltraummissionen vor. Weniger offensichtlich ist, dass ein großer Teil einer zukünftigen Mission etwas sehr Menschliches erfordert: miteinander leben, arbeiten, kommunizieren – und sich selbst regulieren.
Während Asclepios VI durfte ich genau das erleben. Nach einem Jahr Training, mit Präsenztrainings und zahlreichen Online-Einheiten, war es endlich so weit: Unsere zehnköpfige Crew zog für 14 Tage in ein unterirdisches Habitat in der Schweiz ein.
Mein erster Eindruck war überraschend: Der Bunker war größer, als ich erwartet hatte. Gleichzeitig wirkte er kalt, kahl und wenig wohnlich. Wir begannen deshalb schnell, unsere Umgebung mit persönlichen Dingen und Flaggen zu dekorieren. Wir wollten aus einem technischen Habitat einen Ort machen, an dem wir leben konnten.
Die ersten Tage waren trotzdem schwierig. Ich war unglaublich glücklich, meine Crew endlich wiederzusehen, und gleichzeitig war plötzlich mein Handy weg. Keine Nachrichten, kein schnelles Nachschauen, was außerhalb des Habitats passiert. Dazu kam ein völlig verschobener Tagesrhythmus: Aufstehen gegen 22 Uhr, Schlafengehen gegen 14 Uhr, dazu Müdigkeit und Jetlag. Vier Menschen schliefen direkt nebeneinander auf Feldbetten, während um uns herum die Basis weiterlief und verschiedene Schichten aktiv waren.
Und dann war da die Zeit.
Sie verging einfach nicht.
Eine der größten Überraschungen der Mission war für mich, wie schwierig Langeweile sein kann. Wenn man nicht einfach nach draußen gehen, Freunde treffen oder spontan etwas anderes machen kann, muss man lernen, mit sich selbst und der Situation umzugehen.
Gleichzeitig veränderte sich dadurch, was überhaupt als „besonders“ empfunden wurde. Ein Sudoku konnte plötzlich ein echtes Highlight sein. Ein heruntergeladener Film wurde zum Kinoabend. Wir hatten sogar eine „Premium Movie Night“ mit Pirates of the Caribbean – obwohl es eigentlich nur ein Film war, den wir vor der Mission heruntergeladen hatten.
Ohne Handy, Fernsehen, Spielekonsole oder die unendlichen Möglichkeiten des normalen Alltags verschiebt sich die Perspektive. Dinge, die sonst banal erscheinen, bekommen plötzlich einen ganz anderen Wert.
Und genau diese veränderte Perspektive nahm ich auch auf mein eigenes Leben mit.
Ich habe während der Mission sehr viel geschrieben und sehr viel nachgedacht. Durch die Distanz zur Außenwelt fühlte es sich manchmal an, als wäre ich tatsächlich für eine Weile „weg“. Dadurch konnte ich mein eigenes Leben von außen betrachten: meine Beziehungen, meine Ziele, meinen Alltag und die Frage, welchen Dingen ich eigentlich meine Zeit und Energie widmen möchte.
Isolation bedeutet nicht, allein zu sein
Was mir am meisten von Asclepios VI geblieben ist, ist deshalb nicht ein einzelnes technisches System oder Experiment. Es ist meine Crew.
Wir hatten tiefe Gespräche, haben gemeinsam Musik gehört, getanzt, gelacht und uns gegenseitig unterstützt. Es gab Momente, in denen wir über sehr persönliche Dinge gesprochen haben und plötzlich alle gemeinsam emotional wurden. Genau in solchen Augenblicken wurde mir klar, wie wichtig menschliche Verbindung in einer isolierten Umgebung ist.
Astronaut:innen sind keine Übermenschen. Sie funktionieren grundsätzlich wie andere Menschen auch: Wir werden müde, haben Stress, vermissen Menschen, brauchen Gespräche und können schlechte Tage haben. Der Unterschied ist, dass eine Mission wenig Raum dafür lässt, diese Dinge zu ignorieren.
Man kann sich nicht einfach zurückziehen und hoffen, dass ein Problem von alleine verschwindet. Man kann nicht aufhören zu kommunizieren. Und man kann nicht alles mit sich selbst ausmachen.
Das gilt besonders für medizinische Themen.
Als Crew Medical Officer musste ich lernen, aufmerksam zu bleiben und Dinge nicht herunterzuspielen. Meine Ausbildung hatte mich daran gewöhnt, Situationen in Kategorien wie „green, yellow, red“ einzuteilen. In einer analogen Mission bedeutet das aber auch: Informationen müssen weitergegeben werden. MCC und die medizinisch Verantwortlichen müssen wissen, was passiert. Man darf nicht einfach versuchen, alles alleine zu lösen.
Das war für mich eine der wichtigsten persönlichen Lektionen: Medical Officer zu sein bedeutet nicht, alles selbst zu können. Es bedeutet auch, rechtzeitig zu kommunizieren, Verantwortung zu übernehmen und für die eigene Crew einzustehen.
Die kleinen Dinge werden plötzlich groß
Isolation macht auch deutlich, wie stark alltägliche Dinge die Leistungsfähigkeit beeinflussen können.
Unsere Nahrung war beispielsweise gefriergetrocknet und musste mit Wasser zubereitet werden. Wenn man dadurch weniger trinkt und gleichzeitig wenig Bewegung hat, können ganz banale Verdauungsprobleme entstehen. Dazu kamen Schlafprobleme, wechselnde Schichten und die Tatsache, dass praktisch immer eine Expedition oder Aufgabe bevorstand.
Nichts davon klingt besonders spektakulär.
Aber wenn Schlaf und Verdauung nicht funktionieren, kann das einen Menschen erheblich belasten – und damit auch die Fähigkeit, als Crewmitglied zuverlässig zu funktionieren.
Genau deshalb sind Analogmissionen interessant: Sie erlauben uns, nicht nur spektakuläre Notfälle zu untersuchen, sondern auch die vielen kleinen Faktoren, die sich über Tage hinweg auf Gesundheit, Motivation und Performance auswirken.
Dieser Artikel ist auch verfügbar auf: Englisch
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