2026
geschrieben von Marla Lynn Welsch
Was können wir über Menschen messen?
Während Asclepios VI liefen zahlreiche wissenschaftliche Experimente, die genau diese Wechselwirkungen untersuchten.
Bei Raptor, einem Mondlandesimulator, mussten wir einen virtuellen Lander auf dem Mond sicher aufsetzen. Dazu wurden unter anderem vor und nach den Sessions Fragebögen und kognitive Tests durchgeführt. Für mich persönlich war das Experiment anfangs frustrierend – Landen ist erstaunlich schwierig. Gleichzeitig war es faszinierend zu sehen, wie stark Training die Leistung verbessern kann.
Mit der Zeit wurde ich deutlich besser. Gleichzeitig zeigte sich, wie stark Müdigkeit und die Bedingungen während einer längeren Mission die Performance beeinflussen können. Genau diese Entwicklung macht deutlich, warum zukünftige Astronaut:innen nicht nur technische Abläufe trainieren müssen, sondern auch verstehen müssen, wie sich Stress, Müdigkeit und Monotonie auf ihre Leistung auswirken.
Auch Space Cogs untersuchte verschiedene kognitive Fähigkeiten – von räumlichem Denken über 3D-Objekte bis hin zu Gedächtnis- und Orientierungsaufgaben.
Andere Experimente beschäftigten sich mit der psychologischen und sozialen Seite des Lebens in Isolation. Beim Green Mind-Experiment untersuchten wir unter anderem, welchen Einfluss das Arbeiten mit Pflanzen und das Beobachten ihres Wachstums auf Motivation, psychisches Wohlbefinden und Zusammenarbeit haben kann.
Für mich war es auch unabhängig von den Fragebögen etwas Besonderes, etwas Lebendiges im Habitat zu haben. In einer kalten, künstlichen und unterirdischen Umgebung plötzlich etwas wachsen zu sehen, fühlte sich überraschend normal und beruhigend an.
Beim Glucose Experiment wurde untersucht, wie unterschiedliche Lichtbedingungen und Wellenlängen am Arbeitsplatz mit Stress und Glucosewerten zusammenhängen können – ein Thema, das gerade aus medizinischer Sicht interessant ist.
Und dann war da Pebble, unser Rover.

Wenn aus einem Experiment plötzlich eine Mission wird
Pebble war für mich eines der Highlights der gesamten Mission – vielleicht gerade weil nicht alles auf Anhieb funktioniert hat.
Während der EVAs mussten wir mit dem Rover unter anderem Mapping-Aufgaben durchführen und Proben finden und nehmen. Dabei gab es technische Schwierigkeiten, die wir Schritt für Schritt analysieren und troubleshoot-en mussten.
Gerade deshalb war der letzte EVA für mich so besonders.
Diesmal funktionierte der gesamte Ablauf von Anfang bis Ende. Ich war als Rover-Pilotin dabei und konnte den erfolgreichen Run selbst durchführen. Nach all den Problemen und dem wiederholten Ausprobieren war plötzlich dieser Moment da:
Wow. Dafür hat sich das Training gelohnt.
Während dieser EVA konnten wir außerdem ein Satellitenbild von Europa generieren, auf dem unsere Position und die Aktivität der EVA-Crew sichtbar waren. Wir standen tatsächlich draußen und führten unsere simulierte Exploration durch – und konnten diese Aktivität anschließend aus einer Perspektive sehen, die normalerweise nur Satellitendaten vermitteln würden.
Solche Momente machen aus einer abstrakten Simulation plötzlich etwas sehr Greifbares: Wir waren nicht einfach zehn Menschen in einem Bunker. Wir trainierten Abläufe, die eines Tages für reale Exploration relevant sein könnten.
Der Moment, in dem wir wirklich auf Mission waren
Mein stärkstes Gefühl, wirklich auf einer Mission zu sein, entstand allerdings nicht während des regulären Trainings.
Es war während einer Notfall-EVA.
Eine Leitung war geplatzt und ein Teil des Kellers stand unter Wasser. Gleichzeitig war unsere Toilette nicht mehr nutzbar. Wir mussten deshalb innerhalb eines sehr engen Zeitfensters nach draußen, um eine Campingtoilette aus dem Rocket Room zu holen.
Plötzlich musste alles funktionieren: Vorbereitung, Kommunikation, Anzug, EVA und Teamwork. Wir hatten weniger als eine Stunde für das Donning und die gesamte Aufgabe, bevor das nächste Missionsfenster begann.
Und wir haben es geschafft.
Für mich war das einer dieser Momente, in denen die Simulation ihre Wirkung entfaltet. Nicht weil die Situation perfekt war – ganz im Gegenteil. Sondern weil wir mit einem unerwarteten Problem umgehen mussten, Entscheidungen treffen, kommunizieren und als Team funktionieren mussten.
Man muss nicht perfekt sein
Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die ich aus Asclepios VI mitnehme.
Astronaut:innen müssen nicht perfekt sein. Aber sie müssen da sein.
Sie müssen flexibel bleiben, Anweisungen befolgen, kommunizieren und bereit sein, ihre Strategie anzupassen. Sie müssen Fehler erkennen und daraus lernen. Und sie müssen kleine Probleme früh ansprechen, bevor sie zu großen Problemen werden.
Vor allem müssen sie Teamplayer sein.
Eine Mission kann technisch noch so gut vorbereitet sein – am Ende sind es Menschen, die Entscheidungen treffen, Systeme bedienen, Fehler korrigieren und füreinander Verantwortung übernehmen.
Nach 14 Tagen hatte ich mein Zeitgefühl komplett verloren. Gleichzeitig fühlten sich diese zwei Wochen unglaublich kurz an. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, aktiv Wege zu finden, mit Belastung umzugehen – durch Sport, Gespräche, gemeinsame Aktivitäten oder einfach durch Zeit mit der Crew.
Und ich habe gelernt, dass Isolation nicht bedeutet, dass man alleine ist.
Hinter einer Crew stehen Menschen, die unterstützen, beobachten, kommunizieren und im Hintergrund dafür sorgen, dass eine Mission funktioniert.
Würde ich es wieder tun?
Sofort.
Vielleicht sogar gerade wegen der schwierigen Momente.
Weil es dich verändert. Weil du merkst, dass du mehr kannst, als du vorher gedacht hast. Weil du lernst, dich selbst und andere besser zu verstehen. Und weil diese Erfahrungen nicht nur für eine Simulation relevant sind, sondern für die Zukunft menschlicher Exploration.
Unsere Generation könnte die letzte sein, die ohne eine dauerhafte menschliche Präsenz auf dem Mond aufwächst.
Wenn wir eines Tages tatsächlich dort leben und arbeiten, werden wir nicht nur Raketen, Rover und Habitate brauchen.
Wir werden Menschen brauchen, die miteinander leben können.
Nicht perfekt. Aber füreinander da.
Dieser Artikel ist auch verfügbar auf: Englisch
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